Ohne Punkt und Komma

Ohne Punkt und Komma

Versetzen Sie sich in folgende Situation:
Die Zukunft der Region soll diskutiert werden. 40 engagierte Bürger sind gekommen, 5 Fachredner sitzen auf dem Podium. Sie übernehmen die Rolle des Moderators. Zuerst wird ein Film gezeigt, der das Thema ins Bild setzte. Dann stellen Sie Fragen an die Fachredner. Die ersten beiden beantworteten sie kurz und mit Hinweisen auf Erfahrungen und Erlebnisse. Als Sie dem dritten Ihre Frage gestellt haben, holt dieser weit aus. Er ist nicht mehr zu bremsen. Über eine halbe Stunde redete er und redete über insgesamt 14 Themen wie das Protokoll später ergibt. Ihre höflichen Versuche, das zu beenden, quitiert er mit einem kurzen Satz und danach redet er sofort weiter. Er hat eine wichtige Stellung inne.
Wie hätten Sie das verhindert?

Welche der folgenden Lösungen hätten Sie gewählt?

    1. Den Redner nie wieder einladen.
    2. Oder: Den Raum einplanen, damit er reden kann.
    3. Oder: Regeln aufstellen, wie lange ein Beitrag sein darf.
    4. Oder: So jemanden rigoros abstoppen.
    5. Oder: Keine davon.

War Ihre Lösung schon dabei? Sehen Sie sich zuerst an, welche Wirkungen diese Vorschläge nach sich ziehen:

    1. Den Redner nie wieder einladen.

    Da es eine hochrangige und sehr angesehene Persönlichkeit ist, wäre das schade. Auch waren seine Beiträge – im Nachhinein aus dem Protokoll herausgeholt – zielführend und gut. Das Publikum kam ja gerade für die Gelegenheit, diesem Herren Fragen zu stellen.

    2. Oder: Den Raum einplanen, damit er reden kann.

    Das wäre möglich, löst aber nicht die Probleme, dass das Publikum an Ende keine Ergebnisse sieht.

    3. Oder: Regeln aufstellen, wie lange ein Beitrag sein darf.

    Redner wie dieser reden sich in eine Lage, in der sie derartige Regeln einfach ignorieren.

    4. Oder: So jemanden rigoros abstoppen.

    Das wäre sowohl vom Redner als auch vom Publikum negativ aufgenommen worden – obwohl das Publikum froh gewesen wäre. Aber sie hätten es trotzdem als unhöflich angesehen und nicht gewollt.

Doch es gibt weitere Möglichkeiten, um gleichzeitig die Situation in den Griff zu bekommen und die geschilderten Nachteile zu überwinden:

    1. Ein ganz konkretes Ziel für die Veranstaltung nennen – am besten: „Wir wollen heute eine konkrete und nützliche Antwort auf folgende Frage finden: „…“
    Und gleichzeitig
    2. Die Ergebnisse von einer zweiten Person für alle sichtbar mitprotokollieren lassen. Diese Person hat jederzeit die Möglichkeit, einen Redner zu stoppen und ihn zu bitten, erst einmal die wertvollen Beiträge erfassen zu lassen. Nachdem der Redner der Formulierung zugestimmt hat, sieht jeder seinen Beitrag und er hat einen Punkt erreicht, an dem er aufhört.
    3. Hilft auch das nichts oder ist zu erwarten, dass damit der Redefluss auch nicht gebremst wird, sollte das Team anders vorbereitet sein: Um nicht nur die Ideen der einen Person zu sammeln, werden Karten verteilt und alle aufgefordert, ihre Ideen aufzuschreiben zusammen mit dem Namen und der E-Mail-Adresse. Dann werden alle Ideen zusammengestellt in Cluster und so das Ergebnis sichtbar gemacht. Das geht in der Regel schneller und hat durch die namentliche Sammlung wiederum den Effekt, dass der Redner all seine Ideen offen aufgehängt sieht und damit zufrieden ist. – Die Kombination von Ergebnisse sichtbar machen und offensichtlich machen, was von der wichtigen Person ist, bringt Würdigung seiner Beiträge, keine Langeweile beim Zuhören und Einbezug der Ideen aller anderen.

Noch ein Tipp: Kommen zu viele Ideen, um alle vor dem Publikum anzuhängen, wird eine kurze Pause gemacht oder schon das Buffet eröffnet. Ein kleines Team bearbeitet die Karten und gibt einen Überblick über das Ergebnis, sobald es vorliegt. Zusätzlich erfolgt dieser Überblick schriftlich an alle Teilnehmenden.

Lesen Sie an dieser Stelle bald wieder: Wie Wissen wirklich wirkt – in Meetings.